Die renommierte Zeitschrift El Cultural, wöchentliche Kulturbeilage der spanischen Tageszeitung El Mundo, widmet Pablo Gutiérrez‘ Debütroman ‚Rosas, restos de alas‘ (2008) eine ausführliche Rezension, die wir hier in deutscher Übersetzung präsentieren. Vor drei Wochen ist außerdem Pablo Gutiérrez zweiter Roman ‚Nada es crucial‘ in Spanien erschienen. Die britische Zeitschrift Granta hat ihn zu einem der 22 besten jungen Autoren spanischer Sprache gewählt, nur wenige Tage später erhielt er außerdem den renommierten Literaturpreis Premio Ojo Crítico, den der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Spanien alljährlich einem herausragenden jungen Autor verleiht. Wir freuen uns, daß der jüngste Autor der Luces-Reihe, bisher auch innerhalb Spaniens noch ein echter Geheimtip, innerhalb kürzester Zeit Literaturkritik und Publikum so sehr für sich begeistern konnte. Lesen Sie also hier die Buchkritik zu einem spannenden und vielversprechenden Debüt – und seien Sie einer von Pablos ersten deutschen Lesern (bzw. Hörern): am Mittwoch, 1. Dezember, in der Lettrétage.
„Auch wenn man Vergleiche nicht mag, sie sind doch nützlich, um schnell eine Position zu bestimmen. Der Anfang dieses erschütternden, direkten, provozierenden, politisch inkorrekten Romans, erinnert mich, gerade was das Lebensgefühl angeht, an die ersten Szenen vom Irvin Welsh’s bekanntem Trainspotting. Ich denke, dass das, wenn man auch die Unterschiede bedenkt, kein schlechter Vergleich ist: Der Protagonist des ersten Romans von Pablo Gutiérrez (Huelva, 1978) ist auch ein junger Mann der auf seinem Weg ins Nichts auf etwas Unerwartetes stößt; auch hier haben wir einen modernen, sprachmächtigen Erzähler, mit großen literarischen Qualitäten, dessen Blick dem Geist seiner Zeit entspricht; auch in ‚Rosen, Relikte von Flügeln‘ gibt es zahllose direkte Bezüge zur Lebenswelt einer bestimmten Generation – vom Telesketchspiel bis zum Nachmittagprogramm des spanischen Fernsehens von damals. Und beide Mal handelt es sich um einen Roman, der uns den Atem stocken lässt.
Das ist nicht das einzige Echo, das durch diese wildmodernen Seiten hallt, die von einer so außergewöhnlichen Intensität sind, dass man sie ohne aufzuhören von vorne bis hinten durchliest, und sich dabei freut, einen so kraftvollen, sensiblen, mitreißenden Erzähler zu entdecken, der fähig ist, wirklich große, poetische Bilder zu entwickeln, der diesen zornigen aber auch traurigen Blick auf seine eigene Welt und sein eigenes Leben hat, der fähig ist, über die großen Fragen des Lebens nachzudenken, und dessen schlechte Laune immer wieder aufblüht. Ich könnte so weitermachen, weil wir vor einem außergewöhnlichen Buch stehen, einem dieser seltenen Bücher, die nur ab und an erscheinen – glücklicherweise, denn uns würde die Luft ausgehen, wenn die Neuheiten-Regale damit voll wären.
Das Buch erzählt uns die Geschichte einer Suche. Der dreißigjährige Protagonist sieht seine Existenz infrage gestellt, nachdem ihn seine Frau, scheinbar wegen eines anderen Mannes verlassen hat. Dieses Ereignis reißt in sein Leben als Ehemann eine tiefe Kluft, die ihn über den völligen Bruch nachsinnen, ihn sich aber auch an die vergan‐genen Jahre erinnern lässt: von seiner Kindheit in einfachen Verhältnissen, über seine harmlose aber verworrene Jugend, bis zu der Freundin aus Studienzeiten, die ganz anders gewesen war als die Frau, die ihn jetzt verlassen hat. Das alles wirkt so »echt«, so aus dem Leben heraus, so glaubwürdig und ungeschminkt, dass die Geschichte unerträglich wäre, wenn Pablo Gutiérrez nicht der Erzähler wäre, der es ist. Auf seiner Flucht bleibt der Protagonist am Naheliegenden hängen, aber an dem, was als Schlagzeilen in den Zeitungen steht, bis er am Ende seiner kreisenden Reise ohne Wiederkehr anlangt. Pablo Gutiérrez ist einer der wenigen Autoren, von denen man sagen kann, dass es egal ist, was sie uns erzählen. Wichtig ist, dass sie erzählen. Verpasst dieses Debüt nicht!“
Care Santos (El Cultural, El Mundo, 20.05.2008)
Übersetzung: Stefan Degenkolbe