Buchkritik: Pilar Adón

Der grausamste Monat: Die unmögliche Flucht ins Glück
Von Mercedes Rodríguez

Auf dem Umschlag, über der Titelzeile schaut uns ein Mädchen mit durchdringendem und feindseligem Blick an. Das ist der Willkommensgruß von Der grausamste Monat, der vom Verlag treffsicher ausgewählt wurde. Dieser starre Blick eines Mädchens, das doch erwachsen wirkt, löst eine Unbehaglichkeit aus. Und in eben diese Unbehagllichkeit wird Pilar Adón ihren Leser führen.

Der grausamste Monat ist eine Sammlung kurzer Erzählungen, an denen, auch wenn es anders wirkt, nichts überflüssig ist und nichts fehlt. Am Ende der ersten Erzählung, über die rätselhafte und einsame Beziehung zweier Freundinnen, wird dem Leser nur wenig klar sein. Aber es wird ihn nicht stören: Wie gebannt wird er sich in die zauberhafte Welt der Pilar Adón ziehen lassen, wird er bereit sein, teilzunehmen am Spiel der Wiedergewinnung der Vergangenheit und der Zukunft der Protagonisten, die die Autorin in einem Augenblick ihrer eigenartigen Leben – so eigenartig, dass sie auch unsere Leben sein könnten – festgehalten hat.

Adón überreicht uns mit ihren feinfühligen Beschreibungen und Sätzen den Schlüssel zu ihren Herzen, sie bringt uns Geschichten nahe, deren wirre und mysteriöse Handlung unaufgelöst bleibt. Was uns gefangen nimmt, ist die Vertrautheit mit den Figuren, denn es gelingt ihr, uns auf wenigen Seiten das Gefühl zu geben, schon genug zu wissen.

Pilar Adóns Erzählungen spielen auf der Grenze einer unbestimmten Zeit: Manchmal scheint es die Gegenwart zu sein, manchmal eine jahrhundertealte Vergangenheit. Auch die Orte bleiben unbestimmt, außer in der großartigen Erzählung El viento del sol: Südeuropa. In einem Fall schreibt sie über eine reale Person, Robert Falcon Scott, der in einem Eisturm in der Antarktis starb, Monate nachdem sein Rivale, der norwegische Forscher Roald Amundsen den Südpol erreicht hatte. Manchmal haben die Geschichten die Atmosphäre eines Feenmärchens: Lesen Sie Unendliches Grün und Sie werden es sehen.

Trotz allem gibt es einige Motive, die die Erzählungen zu einer Einheit verbinden: die Unbestimmtheit, die kalkulierte Ellipse, der Bezug zu klassischen Geschichten, die mysteriöse und magische Natur. Es tauchen auch unheimliche Figuren auf, die wie aus dem Nichts erscheinen, Häuser, die tief im Wald verborgen sind, Legenden, die herangezogen werden, um eine unerträgliche Wirklichkeit zu erklären. Besonders zu betonen ist die Bedeutung, die die Autorin den allgegenwärtigen weiblichen Figuren gibt, die als Haupt‐ oder Nebenfiguren auftreten: die überängstliche Mutter, die unverstandene Schwester, die Freundin und Komplizin, und vor allem anderen die Geliebte…

Es ist der Gedanke der Flucht, der alles durchdringt und zum roten Faden wird zwischen den Geschichten wird. Eine junge Frau flieht aus ihrem Alltag, um neue Erfahrungen zu sammeln, ohne zu ahnen, dass auch der Schmerz nicht von Dauer ist; eine andere versucht einem Missbrauch zu entgehen, den der Leser nur vermuten kann. In anderen Fällen verbirgt sich die Flucht hinter vermeintlicher Erforschung oder einer Initiationsreise, und in manchen Erzählungen wird der Selbstmord als möglicher Fluchtweg angedeutet. Um es treffend zu sagen: Adón beschäftigt sich damit, die Angst vor der Veränderung, die Furcht vor dem Unbekannten und die Notwendigkeit der Flucht, auch wenn man nicht weiß wovor, zu beschreiben. Einige Personen lassen ihr Leid erahnen: Das Mädchen, das eine Kirche betritt, nur um in der Gegenwart anderer zu weinen, der junge Forscher, dem das Paradies, das er gefunden zu haben meinte, entrissen wird…

Adón legt, jenseits der Handlung und der Szenerie, besonderes Gewicht auf die Seelen ihrer Figuren, und verleiht dem Nachdruck durch die Gedichte, die die Erzählungen verbinden. Sie helfen, den Protagonisten der vorangegangenen Geschichte zu verstehen und deuten an, wie sich der der Folgenden fühlen wird.

In jeder Erzählung gelingt es Adón, durch wohlbemessene Fantasie, die dunklen Gefühle ihrer Protagonisten sichtbar zu machen und eine Beklemmung zu schaffen, die den Leser bedrückt. Die magischen Elemente gliedern sich mit völliger Natürlichkeit in die Erzählungen ein und ermuntern uns, die Welt mit anderen Augen zu betrachten, mit ihren Augen, den Augen der umherirrenden und verlorenen Frauen und Männer, die versuchen zu verstehen, sich zu verstehen.

Den Schlüssel zu der eigenen Suche der Autorin liefert eine weibliche Person in einer der Erzählungen:
Das Einzige, was wir ohne Unterlass suchen sollten, ist die Seite aus diesem schmalen und unentbehrlichen Buch, das uns zeigt, wie wir dem Glück Dauer verleihen können.
Was Adón persönlich angeht, so zeigt sie uns die tausend Gesichter ihrer Zerbrechlichkeit.

(erschienen in Libertad Digital am 8. Juli 2010)

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