Am morgigen Mittwoch, 1. Dezember 2010, stellen wir den Debütroman von Pablo Gutiérrez vor. Wer will kann schon vorab hier ein bißchen schmökern – mehr gibt’s dann morgen in der Lettrétage!
Ungerade Seitenzahl, AutoFormat: Ich lebe von meiner Arbeit, ich verdiene genug, um mir Schulden leisten zu können, ich wurde mit einer lauen Moral erzogen, ich würde einer alten Frau über die Straße helfen, aber nicht, wenn die alte Frau nach dem Überqueren der Straße noch mit mir einen Kaffee trinken wollte und mit mir über alles reden wollte, was nicht mehr wie früher ist. Ich mißtraue den Ämtern, ich glaube, dass die Politik eine Märchenstunde ist, ich achte auf die Verfallsdaten, ich trinke kein Leitungswasser, in einer Diskussion würde ich vehement meinen Standpunkt verteidigen, aber zu Hause würde ich mich für meinen Hochmut schämen, weil ich mir eigentlich keiner Sache wirklich sicher bin. Öffentliche Schule und also Mittelklasse ohne jedem Hang zur Zügellosigkeit, ich könnte mir erlauben, Kinder zu haben, die Regierung würde sich freuen, wenn ich bald welche hätte, neue Beitragszahler für die Sozialversicherung und vor allem konstanter Konsum von Lebensmitteln und Hygieneartikeln, außerdem Lebensversicherungen, Dispositionskredite, Haushaltsgeräte, ein neues Auto, Verpflichtungen die dazu führen, dass ich im Büro wegschauen werde, wenn ich spüre, wie ich sterbe, weil ich aus dem engen Korsett meiner täglichen Routinen herausfalle. Wie alle Anderen denke ich erst über alles nach, bevor ich schließlich nichts mache; ich habe katholische Ängste und einen spärlichen Kartesianismus geerbt, ich verachte Menschen die anders leben, die betrügen und sich dann auf einen Schlag ein Haus mit Pool und Sickergrube bauen, das ist nicht die richtige Art, die Dinge zu regeln, die Jugendlichen, die auf der Straße trinken, fangen an, mir wie Randalierer vorzukommen.
Ich liebe meine Frau, ich wage es nicht, etwas zu tun, das sie kränken könnte, aber ich wünsche mir, dass eine Katastrophe über uns kommt und, dass man bei mir oder bei ihr eine tödliche Krankheit feststellt, die dafür sorgt, dass das Andere, das uns zerstört-zerstört an Bedeutung verlöre und, dass wir uns in unser ganzes Gegenteil verwandelten und wir uns vielleicht sogar entschlössen, in diesem Klumpen Menschen, der kriechend an uns vorüberzieht, nach einer Seele zu suchen, die von uns nicht so sehr erdrückt wird, denn sie hat soviel von mir an sich und besonders in ihren Augen, dass es kaum noch einen Unterschied gibt und es ist, wie wieder allein zu sein, doch noch so nah bei einem anderen Organismus, aber mit den gleichen Reizströmen und Gewissheiten wie bevor sie gesagt hatte: Mach eine Liste.